Einsatz- und Katastrophenmedizin in der universitären Lehre – ein neuer Kurs am Bundeswehrkrankenhaus Berlin

Zum ersten Mal in Deutschland wird Humanmedizinstudierenden an der Berliner Charité ein Wahlpflichtmodul „Einsatz- und Katastrophenmedizin“ angeboten. Mit dieser neuen vierwöchigen Lehrveranstaltung  reagieren das Bundeswehrkrankenhaus (BwKrhs) Berlin und das Centrum für muskuloskeletale Chirurgie (CMSC) der Charité Universitätsmedizin Berlin gemeinsam auf die aktuellen gesellschaftlichen Belange und bieten den Studierenden ein hochmodernes Lehrangebot.

Handwerkliches Geschick: Neben Seminaren können die Studenten in dem neuen Wahlpflichtmodul auch ihre ärztlichen Fertigkeiten trainieren.

Verankert im sechsten Semester des Modellstudiengangs Medizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin steht vom 11. Juli bis 3. August für 17 Studierende erstmalig das Wahlpflichtfach „Einsatz- und Katastrophenmedizin“ auf dem Lehrplan. „Die Bundeswehr ist seit den 60ern im Katastrophenschutz aktiv, seit den 90ern dauerhaft in einer wechselnden Zahl von Auslandeinsätzen. „Es ist sinnvoll diese Erfahrungen nicht nur an Kollegen, sondern auch an Studierende weiterzugeben“, erklärt Oberstarzt Prof. Dr. Christian Willy das Engagement des BwKrhs Berlin. Dort ist er Leitender Arzt der Abteilung für Unfallchirurgie und Orthopädie. Neben Ärzten des Centrums für Muskuloskeletale Chirurgie (CMSC) der Charité und des BwKrhs Berlin tragen auch internationale Experten aus dem Bereich der Katastrophenmedizin und Spezialisten für Verbrennungsmedizin des Unfallkrankenhauses Berlin vor. „Ein entscheidendes Markenzeichen dieses Lehrkonzepts ist die Interdisziplinarität. Wir haben bewusst Wert darauf gelegt, viele medizinische Fachrichtungen einzubinden“ erläutert Projektoffizier Oberstabsarzt Dr. David Back. „Auf diese Weise sollen die Studierenden vermittelt bekommen, wie vielschichtig notwendige Ansätze im Bereich Einsatz- und Katastrophenmedizin sein können. Verschiedene Themen werden zudem im Modul selbst, wie auch im Kontext des gesamten Medizincurriculums des Charité in Lernspiralen eingebettet, so dass die Studierenden zunehmend auf bereits erworbenem Wissen aufbauen können“. Das Angebot umfasst dabei Maßnahmen der akuten Notfallmedizin, erste lebensrettende medizinische Maßnahmen, infektiologisch-epidemiologische Themengebiete oder psychotraumatologische Aspekte bei Opfern und Helfern von Katastrophen.

„In der Katastrophenhilfe haben Sie jeden Tag die Chance, Leben zu retten. Das Wichtigste ist allerdings, dass Sie gesund wieder kommen. Security first“, appelliert Prof. Dr. med. Dr. h.c. Bernd Domres, einer der „Väter“ der Katastrophenmedizin in Deutschland an die Studierenden.

Katastrophenmediziner müssen improvisieren können

Effizienz: „Bei der Triage geht es darum, möglichst viele zu retten und nicht um die optimale Versorgung des Einzelnen“, lehrt Frau Oberfeldarzt Katharina Siegl beim Triage-Training.

„Eine Katastrophe bedeutet aus medizinischer Sicht: wenig Ressourcen, viele Patienten“, begrüßt Prof. Bernd Domres die angehenden Ärzte am ersten Tag des Moduls. Der 78-Jährige Chirurg gilt mit über 50 Einsätzen in internationalen Katastrophengebieten als „Vater der Katastrophenmedizin“ in Deutschland. Das besondere an der Katastrophenmedizin ist für ihn die notwendige Planung, Organisation und Improvisation vor Ort. „Was die Improvisation anbelangt, muss man als Arzt damit umgehen können, ohne Wasser und Elektrizität zu arbeiten“, erläutert Domres. So habe er auch gelernt, dass sich aus Fahrradspeichen hervorragend Stabilisationssysteme für Knochenbrüche bauen ließen. Das Wasser der Kokusnuss könne wegen seiner sterilen und isotonischen Eigenschaften zur Not als Infusion verwendet werden. „Das oberste Ziel ist Leben zu retten“, appelliert er an die Studierenden.

Viele Opfer und zu wenig Retter

Praktische Tipps: „Belasst Dinge, wie Verpackungsmaterial, beim Patienten. Der nächste weiß dann, welche Medikamente dieser bereits erhalten hat“, empfiehlt Oberfeldarzt Bickelmayer, um in Katastrophensituationen den Überblick zu behalten.

Beim bisherigen Studium der 17 Teilnehmer stand vor allem die Individualmedizin im Fokus. Es geht darum, jeden Patienten individuell bestmöglich zu behandeln. Bei der Katastrophenmedizin müssen so viele wie möglich gerettet werden. Das Problem: „Es herrscht eine Dysbalance zwischen schneller medizinischer Hilfe und den zur Verfügung stehenden Mitteln“, betont Oberfeldarzt Jens Bickelmayer, leitender Arzt der Notfallaufnahme des BwKrhs Berlin. Mittlerweile blickt der 40-Jährige auf sieben Einsätze in Afghanistan und Mali zurück. Seine gesammelten Erfahrungen gibt er jetzt als Dozent weiter.

Eine der schwersten Aufgaben in der Medizin

Um in Katastrophenfällen tatsächlich möglichst vielen Opfer zu helfen, lernen die Studenten bereits zu Beginn des Kurses die Triage kennen. „Triage kommt vom französischen Wort „trier“ und bedeutet aussortieren““, erklärt Bickelmayer. Die Verantwortung, die sie damit trügen, sei enorm. „Triage ist eine der schwersten Aufgaben, die sie im medizinischen Bereich haben können, weil die Folgen unglaublich weitreichend sind“, warnt der Mediziner seine Studierenden. Nach einem klar definierten Schema lernen die Teilnehmer, innerhalb von 60 Sekunden den Behandlungsbedarf von Katastrophenopfern einzuschätzen. „Wer läuft, ist grün und bedarf keiner umgehenden Behandlung“, erläutert Bickelmayer nüchtern. „Wer trotz freier Atemwege nicht atmet, gilt als tot. In solchen Situationen haben sie keine Zeit zu reanimieren.“ Das Thema Katastrophenmedizin sei in Deutschland heikel, so Bickelmayer. „Katastrophenmedizin hat die Schwierigkeit der Ethik und der Forschung. Schließlich können sie keine Katastrophe auslösen, um zu erforschen, wie sie am besten vorgehen.“

Falls die Katastrophe Teil des Berufs wird

Volle Konzentration: Dr. Moritz Giesecke vom Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der Charité erklärt den Studierenden Wünsch und Siegerist am Intubationstrainer den Einsatz eines Tubus: „Es ist nicht leicht. Je öfter man es macht, desto besser geht es.“

Für die Charité-Studentin Leutnant zur See (SanOA) Mairin Siegerist sei genau dies ein Grund gewesen, sich für das Modul zu bewerben. „Der Kurs ist sehr interessant, weil hier ethische Grenzen besprochen werden, das Spannungsfeld zwischen Individualmedizin und einem Massenanfall von Verwundeten“, meint die Studentin.  Außerdem sieht sie einen klaren Bezug zu ihrer künftigen Arbeit als Bundeswehrärztin: „Das wird später mein Job sein. Es ist die bestmögliche Ausbildung für mich.“ Auch der Student Leutnant (SanOA) Tim Bellanger sieht darin einen großen Vorteil für sich: „Das ist für mich später Alltag.“ Gemeinsam mit anderen Studenten habe er sich daher auch bei der Planung des Moduls engagiert, so der 21-Jährige.  Neben Seminaren stehen für die Studierenden zahlreiche praktische Übungen auf dem Lehrplan. „Das Wahlpflichtmodul „Einsatz- und Katastrophenmedizin“ steht in Konkurrenz zu anderen Modulen. Daher haben wir uns sehr viele praktische Anteile zum Üben der ärztlichen Fertigkeiten gewünscht“, sagt Medizinstudent Viktor Wünsch und betont damit  eine Besonderheit des Kurskonzeptes.

Ein gutes Gefühl, zu wissen was man tun muss

Erster Ultraschall: An der Station Notfall-Sonographie weist Oberfeldarzt Dr. Thorsten Hauer aus der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie vom BwKrhs Berlin die Studierenden in die Handhabung der Schallköpfe ein: „Die Ultraschall-Untersuchung geht schnell und ist nicht invasiv und daher besonders geeignet für die Katastrophenmedizin.“

Im Simulationszentrum der Charité können die Studierenden diese Fertigkeiten praktisch trainieren. In Kleingruppen mit vier Teilnehmern werden lebensrettende medizinische Sofortmaßnahmen erläutert und geübt. Themen von der ersten standardisierten Versorgung schwerverletzter Patienten im Schockraum bis hin zum korrekten Anlegen eines Tourniquets bei schweren Blutungen werden zunächst im Seminar erläutert und dann am Modell angewandt. Ziel ist es, den Studierenden und zukünftigen Ärzten die richtigen und notwendigen Maßnahmen näher zu bringen, welche im Notfall über Leben und Tod entscheiden. Dabei wird neben der zügigen Indikationsstellung vor allem die korrekte Durchführung erlernt. Im Sinne von Lernspiralen werden Elemente aus notfallmedizinischen Lehreinheiten im Medizinstudium der Charité vertieft und erweitert. Einige der Studierenden können dabei zusätzlich auf ihre Erfahrungen aus dem Rettungsdienst und der Ausbildung bei der Bundeswehr aufbauen.

Es folgt noch viel mehr

So komplex Katastropheneinsätze sind, so umfangreich ist auch der Lehrplan des Moduls. Nach den ersten Kurseinheiten folgen in den anschließenden Wochen weitere theoretische und praktische Stunden in den Fächern Chirurgie und Anästhesie, aber auch Radiologie, Neurologie oder Verbrennungsmedizin. Zusätzlich behandeln die Studierenden auch psychotraumatologische Aspekte, die bei Opfern und Helfern von Katastropheneinsätzen  relevant werden können und lernen Strategien kennen, um möglichen seelischen Erkrankungen vorzubeugen. Internistische Themen als Teil des Lehrangebotes behandeln Mangelernährung nach Naturkatastrophen ebenso wie Tropenerkrankungen oder infektiologisch-epidemiologische Bedrohungen am Beispiel der Ebola-Epidemie in Afrika 2014/2015. Auch bei diesen Themen teilen die Ärzte des BwKrhs Berlin ihr Wissen und ihre jahrelangen Erfahrungen bei humanitären Hilfsaktionen und in weltweiten Einsätzen mit den Studierenden, zusammen mit Spezialisten des Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der Charité und des Unfallkrankenhauses Berlin.

Eine lebensnahe Abschlussprüfung

Zum Abschluss des Kurses steht eine große Triage-Übung an. Unterstützt von dem Schmink-Team „AG Maske“ des Arbeiter-Samariter-Bundes Landesverband Berlin e.V., stellen Simulationspatienten der Charité im Park des Bundeswehrkrankenhauses Berlin die Opfer eines Verkehrsunfalls dar. Nicht wenige Patienten und Angestellte nutzen die Gelegenheit, das Spektakel zu beobachten. Die Studierenden müssen den Massenanfall von Verletzten mit ihren erlernten Triagekriterien bewältigen. Nach der sehr intensiven Übung zeigen sich alle Studierenden in der Abschlussbesprechung begeistert von dem Angebot und können ein sehr positives Fazit aus vier intensiven Modulwochen mit dem etwas anderen Lehrstoff „Einsatz- und Katastrophenmedizin“

Autor: Bundeswehrkrankenhaus Berlin

Fotos: Thilo Pulpanek